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Da hilft kein TV, DVD oder Radio: Nur beim Besuch im Theaterstadel der bairisch-tirolischen Grenzgemeinde Kiefersfelden erschließen sich Charisma, Charme und Humor der sprichwörtlichen Ritterschauspiele. Die ultraromantischen „Haupt- & Staatsaktionen“ des dichtenden Kohlenbrenner Joseph Georg Schmalz (1793-1845) sind als Volkstheater-Phänomen nicht minder original als die Passionsspiele Oberammergau. Wie diese haben die Ritterschauspiele Kiefersfelden eine weltweit einmalige Tradition seit dem 17. Jahrhundert. Und wie bei den Bayreuther Festspielen gelangt nur ein Kanon von eigens für die „Comedihüttn“ geschriebenen Stücken zur Aufführung.
Auch die alljährlich ab Ende Juli für etwa fünf Wochen stattfindenden Ritterschauspiele Kiefersfelden folgen dem christlichen Heilsplan. Wackere Ritter und leidgeprüfte Jungfrauen trotzen infamen Erzschurken und einem grausamen Schicksal, das sie in düstere Wälder, feuchte Kerker und muselmanische Gefangenschaften treibt. Am Ende siegt in den originalen Dramen von Schmalz, Sylvester Greiderer und unbekannten Verfassern fast immer die poetische und himmlische Gerechtigkeit – Ausnahmen bestätigen die Regel. Zu Unrecht wurde vom Namen des „Bauern-Shakespeare“ die qualifizierende Wert-Minderung „schmalzig“ abgeleitet: Der Köhler und Poet war auf der Höhe der literarischen Romantik, kannte fast alles von den europäischen Meisterwerken bis in die trivialen Untiefen von Melodram und Schicksalstragödie. Heutigen multikulturellen Idealen verlieh er in im stilisiertem Kieferer Dialekt hinreißend packenden, stellenweise humorvollen Ausdruck.
Das damals wie heute gierig verschlungene Lesefutter an Schauer- und Ritterromanen im bizarren mittelalterlichen Ambiente inspirierte Schmalz zu Spielvorlagen für die einzige heute noch regelmäßig bespielte Kulissen-Klappbühne nach barockem Vorbild. Mit deren liebevoll gemalten Schauplätzen wie Burggemach, Wüste, Wald und Gruft führen die Ritterschauspiele zwar nicht vom Himmel durch die Welt zur Hölle, immerhin jedoch in zwei bis drei Erdteile. Die Handlung nur eines Dramas von Schmalz würde locker für einen TV-Sechsteiler ausreichen. Die begleitenden Musiken und Gesänge der Musikkapelle Kiefersfelden fußen auf einer bemerkenswert authentischen Tradition. Die Kieferer Kantoren und Dirigenten – allen voran Sylvester Greiderer - waren qualitätsvolle Komponisten für Messe und Tanzboden, sie entstammten den gleichen musikalischen Wurzeln wie der berühmte Müllner Peter aus dem Sachranger Nachbartal.
Mit Kunstfertigkeit widerstehen die Kiefer Spielerinnen und Spieler trendigen Anfechtungen. Wenn die Ritter auf der Bühne in rhetorischer Pose erstarren und der Schurke in verwegener Geste seinen schwarzen Mantel über die bitterböse Miene zieht, wähnt sich das Publikum schon fast in einer Hoftheater-Aufführung längst vergangener Bühnen-Herrlichkeiten von Anno dazumal: Echtes Schwerterklirren, strahlende Fanfarenstöße und intonationsreine Dreigesänge fügen sich zu einem „totalen Theater“, das mit Freude, Ernst und einem Funken Selbstironie am Boden der Bühnen-Realitäten bleibt. Dafür garantiert der der immer hungrige Hanswurst mit dem Herz auf dem rechten Fleck.
Und das unverändert angesichts einer wechselvollen und gefährdungsreichen Geschichte! Dem Passionsspielverbot 1784 trotzten die theaterbesessenen Inntaler, indem sie auf das Romantische Ritterdrama kamen. Sie bewiesen den Rosenheimer und Münchner Obrigkeiten das ganze 19. Jahrhundert, dass ihr lebhaftes Theaterspiel sie weder von der Arbeit abhielt noch ihre Spielleidenschaft zu Schäden an Leib und Seele führten. Die einmalige Binnenstellung der Kieferer Ritterschauspiele zwischen Kultur-Revolution und Reaktion zeigte sich, als die Nationalsozialisten - anders als bei den Passionsspielen - keine Chance für die eigene Sache durch ideologische Übergriffe sahen. Als sich schließlich vor einigen Jahren eine trashige Event-Mafia mit den Vorstellungsbesuchen den besonderen arroganten Kick versprach, reagierten die Kieferer allenfalls mit einem selbstbewussten Achselzucken.
Heute sind die Ritterschauspiele Kiefersfelden dank der beharrlich verteidigten Einmaligkeit ein Anziehungspunkt für Touristen, Enthusiasten, überraschte Zufallsbesucher, Volkskundler und Kulturwissenschaftler: Auch vom 28. Juli bis 2. September 2007, wenn der Held in „Siegfried und Ludmilla“ von einem unbekannten Ritter aus den Verließen von Burg Arnsbach gerettet wird…
Roland Dippel
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